Lausitzkommentiert: Warum immer die Schwachen?

Immer donnerstags hat eine Lausitzerin oder ein Lausitzer das Wort. In „kommentiert:“, unserem Kommentar der Woche, hören wir heute Torsten Berge. Er spricht heute zum Thema Preiserhöhungen und Bürokratie-Aufbau bei Einrichtungen, die sich eigentlich um beeinträchtigte Kinder in unserem Land kümmern wollen.(fk)

Der Kommentar zum Nachlesen:

In meinem heutigen Kommentar geht es mir um die vom Schicksal wohl am härtesten Getroffenen unserer Gesellschaft: Kinder mit der Diagnose, unheilbar krank zu sein, deren Eltern und Geschwister, den so hart betroffenen Familien. Als stolzer Vater zweier Kinder und stolzer Opa zweier Enkel gibt es für mich persönlich eigentlich keine schlimmere Vorstellung, als dass ich selbst die sogenannten Nachkommen überleben könnte. Und doch gibt es nicht Wenige, die dieses Schicksal ereilt! Dann ist von heute auf morgen Nichts mehr, wie es normalerweise sein sollte. Und ohne Familie, Freunde und die Gesellschaft geht gar nichts mehr!

Es ist für Nichtbetroffene kaum zu ermessen, was Eltern nach einer solchen Diagnose für ihre Kinder dann durchmachen, Geschwisterkinder dann entbehren müssen, welche organisatorischen und finanziellen Probleme plötzlich das Leben bestimmen. Dann sollte ein gesunder und solidarischer Sozialstaat einfach da sein. Sollte, aber wie sieht es damit aus?

In der Lausitz, in Burg im Spreewald, gibt es das Johanniter – Kinderhaus / Kinderhospiz „Pusteblume“. Zur kurzen Erklärung: ein Kinderhospiz ist eigentlich eher ein Ort, an dem betroffene Familien ausspannen können, mal Urlaub machen von der extremen Alltagsbelastung. Eltern, in der Gewissheit, ihre kranken Kinder bestens versorgt zu wissen, Zeit für sich und die gesunden Geschwisterkinder zu haben, neue Kraft zu generieren. Also kein Ort zum Sterben. Das ist natürlich kostenintensiv. Und da unsere Krankenkassen sich immer mehr angespannten finanziellen Situationen ausgesetzt sehen, wird der Rotstift angesetzt. Die Messlatte für die Leistungserstattung wird höher gelegt. Todkrank ist nicht mehr todkrank, wenigstens muss neuerdings zum Beispiel künstliche Ernährung notwendig sein. Was ist da hier eigentlich wirklich KRANK?

Mich haben die Worte von Johanniter und Pusteblume-Chef Berger-Winkler sehr bewegt, denn für ihn und sein Team ist klar – hinter jeder Finanzierung steht ein Kind, eine Familie, ein oft jahrelanger Kampf um Stabilität, Würde und Lebensqualität. Gerade Einrichtungen wie die Pusteblume übernehmen Aufgaben, die weit über klassische medizinische Versorgung hinausgehen. Mit Sorge betrachtet man in Burg deshalb, dass die aktuellen Entwicklungen teilweise zu noch mehr Bürokratie, längeren Prüfverfahren und Unsicherheit in der Refinanzierung führen. Das bindet Kräfte und Mittel, die eigentlich dringend für die Kinder und Familien gebraucht werden.

Bürokratieabbau, war da nicht mal irgendwas, vor der letzten Bundestagswahl?

Es gibt in Deutschland derzeit übrigens 22 solcher Kinderhospize. Die Gäste, also betroffene Familien, die in Burg zu Gast waren, kommen aus ganz Deutschland. Mehrheitlich aus Brandenburg (101) und Sachsen (84), klar – denn die Anreise ist ja schon nicht einfach.

Und jetzt wird es also finanziell eng für die Betreiber. Der Chef der Johanniter hat da sogar noch Verständnis für die Krankenkassen. Sagt, die hätten ja selbst zu kämpfen mit ständig steigenden Kosten und sind zum Sparen verdammt. 

Was mir dabei nicht in den Kopf will: Warum haben wir in Deutschland mehr als 100 gesetzliche Kassen, die alle einen enormen Verwaltungsapparat finanzieren müssen? Warum zahlen wir in Deutschland Steuern auf Spitzenniveau, wenn es dann für die Bedürftigsten im eigenen Land nicht reicht? Warum retten wir gefühlt die ganze Welt, wenn wir nicht mal für die am Schlimmsten Getroffenen im eigenen Land ausreichend sorgen können? Warum werden Diätenerhöhungen festgeschrieben, egal, wie es den Ärmsten der Armen geht? Warum genießen Beamte in Größenordnungen Vergünstigungen, während für todkranke deutsche Kinder das Geld für ihre Bedürfnisse fehlt? Ja, das klingt jetzt alles sehr populistisch. Aber als engagiertes Beiratsmitglied des Kinderhauses „Pusteblume“, und mit dem Wissen um die derzeitigen Probleme und die Zukunftssorgen dieser Einrichtung, sollten mir diese Fragen erlaubt sein. 

Was Sie, liebe Menschen in der Lausitz, jetzt aus diesem Kommentar mitnehmen, kann und will ich nicht beeinflussen. Das müssen Sie für sich schon selbst entscheiden. Ich habe aber schon die Hoffnung, dass es insgesamt noch nicht zu spät ist, Dinge sich zum Positiven ändern, weil die Menschen in diesem Land auf wirklich demokratischer Weise einfach „Stopp“ sagen, zu all dem, was offensichtlich komplett falsch läuft. Immer wieder zu Lasten derer, die Hilfe krankheits- und auch altersbedingt am Nötigsten brauchen. Das sollte unser Land eigentlich nicht nötig haben!

Torsten Berge

Kommentare

  1. Avatar von Langer
    Langer
  2. Avatar von Susann Kühne
    Susann Kühne

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