In „kommentiert:“, unserem Kommentar der Woche, gibt uns heute Jana-Cordelia Petzold ein paar philosophische Gedanken mit auf den Weg. Passend zu den heißen Temperaturen, nutzt sie dafür ein Wasser-Bild zur Veranschaulichung eines Phänomens, das uns alle beschäftigt, den „Fluss der Zeit“.(fk)
Der Kommentar zum Nachlesen:
Leonardo da Vinci hat einmal formuliert:
„Bei einem Fluss ist das Wasser, das man berührt, das letzte von dem, was vorübergeströmt ist, und das erste von dem, was kommt. So ist es auch mit der Gegenwart.“
Wir stehen in und vor bewegten Zeiten. Ich erlebe immer wieder, wie Menschen in unserer schnell-lebigen Zeit im Augenblick leben, nur diesen als bedeutsam empfinden und sich sozusagen „im Augenblick“ treiben lassen. Sie leben nicht aus der Erinnerung, und sie blicken auch nicht in die Zukunft. Sie planen nicht, sie träumen nicht, sie leben einzig aus dem Augenblick, der sie umgibt und der alle Parameter ihres Daseins bestimmt.
In der globalisierten Welt werden Grenzen aller Art durchlässiger, tradierte Werte verlieren an Gültigkeit, Räume wachsen zusammen und die Zeit scheint insgesamt viel zu schnell zu vergehen. Wir werden dessen gewahr, wenn wir uns zurückerinnern, und wir spüren diese Veränderungen, die wirklich wie Wasser zu fließen und an uns vorüber-zu-fliehen scheinen, dann noch deutlicher: Was gestern noch unverbrüchlich stand, ist heute schon in Auflösung begriffen und wird morgen möglicherweise schon aus den Augen verloren, und alsbald völlig vergessen sein.
Lohnt es sich da überhaupt, in eine Vergangenheit zu schauen und aus dieser zu lernen? Ist es hilfreich, sich eine Zukunft auszumalen, von dieser zu träumen und diese in irgendeiner Weise voraus-schauen zu wollen?
Wir sagen doch immer, dass es wichtig ist, Althergebrachtes zu bewahren, um damit eine sichere Zukunft zu bauen und diese Ideen schon in der Gegenwart zu legen, diese Herausforderungen schon jetzt zu bestreiten, alle Weichen zu legen für die vor uns liegende Zukunft, die wir – doch zu einem bestimmten Maße – mitgestalten wollen und können.
Aber können wir dies denn wirklich? Ist es nicht diese allgegenwärtige Dynamik in unserer sich mehr und mehr verdichtenden Weltgesellschaft, die gerade aus dem Augenblick heraus entsteht, sich augenblicklich wandelt und letztlich in diesem wieder aus sich selbst heraus entsteht und sich weiter verändert?
Wenn man das Zitat von da Vinci, der als ein Universalgenie die europäische Geistesgeschichte maßgeblich geprägt hat, interpretiert, dann ist genau dieses Fließen das Wassers, hier als Sinnbild für das Kontinuum der Zeit begriffen, ganz entscheidend für das Bild, das wir über die Zeit haben: Das Ende des Vorübergeflossenen ist der Anfang des Kommenden. Die Gegenwart ist immer Teil der Vergangenheit und Teil der Zukunft, und zwar gleichzeitig. An welcher Stelle wir eintauchen, ist unbedeutend, aber es ist wichtig, dass wir wissen, dass wir ein Teil dieses Flusses sind.
Mit diesem Wissen dürfen wir uns durchaus treiben lassen im Wandel der Zeit, wir können – wie daVinci es formuliert – eintauchen in den Strom der Veränderungen, und wir sollen dahinschweben im Wandel der Welt.
Wenn Sie also wieder einmal gedankenversunken die Hektik des Alltags und die Schnell-Lebigkeit unserer Zeit beklagen, dann denken Sie daran: Sie ist in jedem Moment Ausdruck unserer Gegenwart und nimmt uns mit auf diese Reise, in der wir – heute eben schneller denn je – Veränderungen so rasch und so präsent erfahren können, so vollumfänglich und grundlegend erleben dürfen und sie zugleich so aktiv und so bedeutend wie nie zuvor mitgestalten können.
Dafür wünsche ich Ihnen und uns viel Kraft, viel Zuversicht und ganz viel Erfolg!
Jana-Cordelia Petzold







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