In „kommentiert:“, unser Kommentar der Woche spricht heute zum ersten Mal Annett Heidecke. Sie ist eine freie Autorin und Lektorin aus der Westlausitz und schreibt unter dem Pseudonym A.C.LoClair. Ihr Reporteur reicht von Fantasy, Romantasy, Romance bis hin zu Crime und Thriller. Neben eigenen Büchern lektoriert und korrigiert Heidecke in ihrer Freizeit auch die von fremden Autoren. Sie hat Chemie und Geografie studiert, widmet sie heute vor allem der Kontrolle neu hergestellter Computerchips bei Infineon Dresden als Line Expert. In ihrem Kommentar widmet sich Annett Heidecke heute dem Thema Zeit.(mp)
Der Kommentar zum Nachlesen:
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir hören in letzter Zeit oft, wir müssen eine Stunde mehr arbeiten zum Wohle unserer Wirtschaft. Eine pauschalierte Floskel, die ich mehr als unsensibel finde. Diese Aussage brachte mich zu dem Gedanken oder doch zu der Frage, was meint eine Stunde? Genau 60 Minuten oder allgemein Zeit?
Wie wertvoll ist Zeit?
Zeit ist eine physikalische Maßeinheit – in Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Jahre eingeteilt. Und doch prägte einst Einstein den Spruch – Zeit ist relativ.
Wer kennt es nicht – 8 Stunden im Urlaub, in einem wunderschönen Land, sei es beim Wandern oder Paddeln fühlen sich an wie Minuten.
Aber nehmen wir 8 Stunden in einem Job, der Kraftaufwand bedarf. Vielleicht einen Arbeiter, der Frost und Schnee ausgesetzt ist. Oder einen Menschen, der Dächer reparieren oder eine Schicht in der Nacht im Krankenhaus oder Altenheim überstehen muss, in der vielleicht ein Patient nicht überlebt? Diese Zeit zieht sich wie Wochen, bleibt zäh wie Teer im Gedächtnis, brennt sich ein wie Lava, man vergisst es nie. Und doch die gleiche Einheit – Zeit, Stunden, Minuten.
Kann ein Mensch eine solche Stunde „mehr“ aufbringen? Vor allem, sollten Politikeroberlehrerhaft solche Aussagen treffen? Was wissen sie über Pfleger im Altenheim, die Doppelschichten arbeiten oder über den Arzt, der nach 36 Stunden Dienst noch immer an den OP-Tisch gerufen wird? Für diese Menschen ist die Stunde Mehrarbeit, zu der aufgerufen wurde –vor allem generalisiert – ein Schlag ins Gesicht. Denn in ihrer Kraft ist keine Stunde übrig. Eigentlich war schon 10 Stunden zuvor bei dem Arzt keine Stunde mehr übrig.
Wir haben alle die gleichen Stunden Zeit an einem Tag, 24 Stunden, unerschütterlich und doch empfinden wir es unterschiedlich. Wir hören in der Politik, wir müssen eine Stunde mehr arbeiten, um den Wohlstand zu erhalten. Vielleicht müssen wir das, aber vielleicht müssen wir auch unsere Ressourcen besser nutzen?
Vielleicht muss jeder Einzelne die Autonomie behalten, zu entscheiden, was seine 24 Stunden für ihn selbst bedeuten? Was zählt der Euro, wenn die Liebe, Freundschaften, die guten Worte, vielleicht die Umarmungen irgendwann fehlen? Fließt denn die Stunde Mehrarbeit überhaupt in unseren Wohlstand?
Zeit ist relativ –jeder hat am Gesamtwohl mitzuarbeiten, aber jeder hat auch das Recht und in meinen Augen die Pflicht, die Zeit, die er hat, für sich bestmöglich zu nutzen. Und die Entscheidung, was das Beste ist, obliegt keiner Regierung, keinen Politkern, sondern dem einzelnen Menschen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen relativ viel qualitativ hochwertige Zeit.
Annett Heidecke







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